Ich möchte, bevor ich in medias res gehe, nochmal auf etwas hinweisen, was dem geneigten Leser meiner sozialen Kanäle sicherlich schon aufgefallen ist: Ich bespreche häufig Bücher. Ich tue das, weil ich möchte, daß in der volksverbundenen Opposition mehr und gründlicher gelesen wird. Vom parteiungebundenen Aktivisten, der nur gelegentlich bei oppositionellen Demonstrationen teilnimmt, bis zum Spitzenfunktionär der AfD, sollte jeder von uns auf einem festen Wissensfundament stehen.
Und, was ich bei dieser Gelegenheit auch klarstellen will, ist, daß ich nicht die Rolle eines klassischen Rezensenten einnehme, der selbstverständlich auch zu kritisieren hat. Es gibt kein Buch, mit dem ich zu hundert Prozent inhaltlich übereinstimme, trotzdem fokussiere ich mich als schreibender Politiker ausnahmslos auf die Werbung für Werke, die ich im Hinblick auf unsere Zeit, unsere Lage und unseren Auftrag für wertvoll erachte.
Ich halte das neue Werk von Benedikt Kaiser für wertvoll. »Das Theoretisieren muß im praktischen Leben stehen«, definiert er einen Standard, den er auch einhält. »Der Hegemonie entgegen« ist Lehrbuch, Debattenbeitrag und dort, wo er die AfD Maß nimmt, auch Streitschrift – und das ist gut so!
Kaiser führt anfangs aus, daß der rechtspopulistische Ansatz mit seiner Empörungsmaschinerie und mit seiner Dagegen-Haltung an sein Ende geraten sei, was nicht hieße, daß er keine Erfolge gehabt und seine Pflicht nicht getan hätte, nämlich ein Mindestmaß an Opposition gegen das volksfeindliche Establishment zu mobilisieren und zu sammeln. Aber nur mit Erregung bilde man keine selbsttragende Alternative zum falschen Ganzen. Es fehle die eigene positive Ideenbündelung, das stimmige kohärente Ganze. Er schreibt es nicht, aber sicherlich würde er vielen AfD-Fraktionen eine ordentliche Arbeit attestieren, allerdings gleichzeitig kritisieren, daß sich diese und die Programmarbeit der Partei in erster Linie an den Problemhalden ausrichtet, die die herrschenden Kräfte aufgetürmt haben. Er ist sich jedenfalls sicher, daß der finale Durchbruch, die Überwindung der linksliberalen Hegemonie, die mit der Auflösung aller Dinge einhergeht, nur mit einem schlüssigen neuen Weltbild, einer kraftspendenden Vision gelingt. Ja, er attestiert der alten und neuen Rechten ein Ideologiedefizit und arbeitet die Ideologiefeindschaft als echtes Problem des parlamentspatriotischen Rechtspopulismus heraus. Kaiser hat keine Scheu vor dem Begriff Ideologie, aber er unterscheidet historisch organische Ideologien von realitätsfremden Ideologen mit falschem Menschenbild. Er ist kein linker Dogmatiker, will die Wirklichkeit nicht ins Prokrustesbett der Ideologie zwängen, weiß, daß die Geschichte nicht linear verläuft und Sprünge macht, bleibt entwicklungsoffen, allerdings gleichzeitig auch überzeugt davon, daß zunächst die Partei und dann auch eine fragmentierte Gesellschaft über eine neue Idee integriert werden müssen.
Das politische Denken von Antonio Gramsci, dem »Vater der Kulturrevolution» ist Dreh- und Angelpunkt des Buches. Der italienische Marxist mit nationaler Attitüde verfaßte in jahrelanger Haft, die er im faschistischen Italien zu verbüßen hatte, seine legendären »Gefängnishefte«. Sie haben in der editierten Variante einen Umfang von 2848 Seiten. Und der Anmerkungsapparat von »Der Hegemonie entgegen« deutet darauf hin, daß Kaiser alle gelesen hat. Zentral gesetzt ist bei Gramsci, und er entwickelte seine Theorie mit Blick auf die entwickelte bürgerlichen Gesellschaften des Westens, die Erlangung der Hegemonie. Legendär ist seine Selbstdefinition: »Staat = politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang.« Gramsci erkannte, daß die Erlangung der in Alltagspraxen eingelassene Meinungsführerschaft in der Gesellschaft, der Eroberung der Staatsmacht vorauszugehen habe. Die Kombination von Zivilgesellschaft und Staatsapparaten bedingt den »integrierten Staat«, der nach Gramsci »dauerhaft« ist. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein linksliberal integrierter Staat. Zweifellos haben die Umstände des Scheiterns des Kurzeitministerpräsidenten Thomas Kemmerich in Thüringen jedem Oppositionellen eindringlich vor Augen geführt, daß es nicht reicht, die Spitze formaler Apparate zu beherrschen, wenn man nicht die kulturelle Hegemonie innehat.
An vielen Stellen warnt Kaiser vor Annäherung an die CDU. Diese Partei begreife »Politik als Dienstleistung« (Herman Binkert) und habe keine intellektuelle und weltanschauliche Substanz. So komme deren Grundsatzprogramm ohne einen eigenständigen zusammenhängenden Gedanken aus. Die bunte Zivilgesellschaft als tragende Säule der linksliberalen Hegemonie erhalte unter der Regierung Merz aus CDU-geführten Ministerien sogar noch mehr Millionen als unter der Ampel-Herrschaft. Rückblickend versagte die Union nicht erst in der Merkel-Ära, auch nicht erst in der 68er Kulturrevolution, sondern schon bei der Verwestlichung, Totalliberalisierung und Charakterwäsche (Caspar von Schrenk-Notzing) durch die amerikanische Reeducation, die schnell zur Self-Reeducation wurde. So sei auch die schwarz-grüne Vermählung in der Logik liegend, denn hier kommt die Essenz des bundesrepublikanischen Selbstverständnisses voll zur Geltung: »Wer hier Deutschland sagt, meint das alte Westdeutschland als Wirtschaftsstandort mit rheinbündischer Tendenz, und wer das alte Westdeutschland meint, denkt eigentlich schon an die Selbstauflösung Deutschlands als autonomes politische Subjekt im Zeichen einer willfährigen Eingliederung in den kollektiven Westen«, so Kaiser. Kurz: Wenn man die CDU nicht scheitern läßt, von vernichten spricht keiner (!), war es das mit der deutschen Renovatio!
Und auch im Kampf um das Volk positioniert er sich eindeutig: Überfremdung ja, aber bitte rentabel, dürfe niemals die Position der AfD sein. Das Volk als die zwischen Ethnos und Demos stehende Entität, als Gruppe der Menschen, die »miteinander reden können«, müsse verteidigt werden, die Realität dürfe nicht für das Recht verbogen werden.
Kaiser zeigt klare Kante. Und das ist erfreulich in einer Republik, deren Debattenkultur mittlerweile an eine Diktatur erinnert.






