Mein alter Freund brütete über etwas, so viel wußte ich. Um was er sich bemühte, darüber wurde ich im Unklaren gelassen. Vor zwei Tagen stellte mir die Post ein Päckchen mit Kaplake Nummer 100 zu. Hätte er sie mir bei Gelegenheit direkt in die Hand gedrückt, hätte er es mit einem verschmitzten Lächeln und den knappen Worten gemacht: »… mal was anderes, lieber Björn…«
Zugegeben, daß er das Kirchentagslila für sein Büchlein ausgesucht hat, irritiert mich nach der Lektüre noch mehr. Auf seine Erklärung dafür bin ich gespannt. Jedenfalls, und ich habe sie mit einer Ausnahme alle gelesen, ist diese Kaplake von allen anderen geschieden: sie ist in Erzählstil und Inhalt eine Setzung der eigenen Art. Götz Kubitschek hat mit ihr eine kleine Flucht angetreten vor der Trivialität der Politik und dem Debattenklamauk der Selbstdarsteller einer späten Republik. Er führt uns nach Rumänien, Kamerun und auf die Querfurter Platte. Dabei hat er das zweite Augenpaar scharf gestellt, mit dem er sich dem Schleier der Maya nähert. Persönliches Erleben mischt sich mit Phantasie, wobei der Grenzbereich, darin den Zustand der Kontemplation nachvollziehend, verwirbelt und verschwimmt.
Im Jahr 2026 kehrt der Autor über 80 Seiten lang dem Zeitalter des logischen Denkens den Rücken, in dem Ursache und Wirkung die Kategorien der Erkenntnis sind. Er taucht dafür über Gegenwartserlebnisse ein in das Zeitalter der magischen Weltaneignung, die gekennzeichnet war durch ein Denken in Wesenheiten, die von großen Geistern geschaut und durch die Erfahrung bestätigt wurden.
Kubitschek hat keine staubtrockene philosophische Abhandlung geschrieben. Er diskutiert nicht, ob Mythen wahr sind oder zumindest wahre Aussagekerne enthalten. Er macht zwischen den Zeilen deutlich, daß sie eine notwendige Ergänzung zur Einseitigkeit des Rationalismus mit seiner Technikorientierung und seinem Machbarkeitswahn sind. Das mythische Erlebnis verbindet die Menschen aller Kulturen. Wobei der Zutritt zum Numinosen in Kamerun nach wie vor in Gruppentrance geschehen kann, in Europa aber eher dem Einzelnen vorbehalten ist. Immer wieder werden Detailbeobachtungen eingeflochten. So betrachtet Kubitschek in Afrika am Morgen eine Spinne, die sich über ihm im Moskitonetz bewegt. Er fragt und stellt fest: »Was sind das für Tiere, wer hat sie abgeworfen? Alles an ihnen ist außerirdisch: die abgewinkelten, dürren, dichtbeharrten Beinchen, der plötzlich einsetzende, eckige Gang, der Unterleib, der Faden, die tausend Augen, das Geräuschlose.« Daß das Spinnentier wohl viel besser eingepaßt ist als wir, führt der Autor an dieser Stelle nicht aus. Aber eigentlich ist das die Grundschwingung, auf der die Erzählung fortgetragen wird: Wir sind nicht nur von dieser Welt.
An einer Stelle berichtet der Autor davon, daß sein kleiner Sohn beinahe von einer großen landwirtschaftlichen Maschine, wie sie auf den riesigen Feldern Mitteldeutschlands im Einsatz sind, überrollt worden wäre. Ich will das hier nicht weiter ausführen, um den Spannungsbogen nicht zu zerstören, aber was der Rationalist im Zusammenhang mit der Rettung als Zufall bezeichnen würde, grenzt nach menschlichem Ermessen tatsächlich fast an ein Wunder.
Den Blick weiten und an seiner Ganzheitlichkeit arbeiten, ist das eine. In der Welt bleiben und an einer guten Weiterentwicklung mitzutun, ist das andere. Hier ist Kubitschek dann doch wieder Rationalist, wenn er mahnt:






