Deutschland – Neutral!

»Dieses Buch ist der kräftige Start einer deutschen Debatte für die Neutralität des Landes«, so liest man es im Nachwort des im Westend-Verlag erschienen Buches »Deutschland – Neutral!«.
33 oftmals eher hauptstromferne Autoren beteiligen sich an diesem gedruckten Startschuß, darunter Diether Dehm, Lisa Fitz, Jürgen Fliege, Oskar Lafontaine, Kayvan Soufi-Siavash, Hauke Ritz und Ulrike Guérot. Bei etwas über 200 Seiten bleibt nicht viel Platz für den Einzelnen und seinen persönlichen Zugang zum Thema Neutralität. Aber weil die Autoren aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen kommen, gelingt ein multiperspektivischer Aufschlag, der als literarischer Aperitif Lust auf mehr macht.
Ich selbst habe mich dem Thema Neutralität auch erst vor kurzem angenähert – und zwar aus einem Leidensdruck heraus, den auch die meisten Autoren des Sammelbandes zu spüren scheinen: 80 Jahre Westbindung und Pax Americana haben nicht nur Europas Identität untergraben, sondern den alten Kontinent aus hegemonialem Interesse heraus in eine Konfrontationsstellung mit Rußland gebracht, die ihn zum künftigen Ground Zero einer atomaren Auseinandersetzung der Großmächte machen könnte. Auch die EU, einmal als Wirtschaftsgemeinschaft gestartet, mutiert immer mehr zur Kriegsgemeinschaft und schreit förmlich danach in ihrer Dysfunktionalität überwunden zu werden. Aber ist ein „Europa blockfreier Staaten“ überhaupt möglich?
Um diese Frage zuverlässig zu beantworten, muß man weit zurückgehen.
So ist der eskalierende Ukraine-Krieg Folge eines geostrategischen Denkens, das die Planung der westlichen Großmächte seit über 100 Jahren grundiert und eng mit dem Namen des Briten Halford Mackinder verbunden ist. Dieser erkannte in der eurasischen Landmasse das Gravitationszentrum der Welt. 1919 ordnete er in seinem Buch Democratic Ideals and Reality ein: »Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland; wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel; wer über die Weltinsel herrscht, der beherrscht die Welt.«
Wolfgang Escheberger nimmt in seinem Beitrag »Im Fadenkreuz strategischer Interessen« auf Mackinder Bezug und erinnert an dessen Warnung vor einem Bündnis zwischen Deutschland und Rußland sowie an die Forderung eines »Cordon sanitaire« zwischen Deutschland und Rußland. Diesen Sicherheitskorridor gestaltet Polen heute mit US-amerikanischer Unterstützung als Weiterentwicklung der Intermarium-Konzeption, die bereits zwischen den Weltkriegen entwickelt worden ist.
Viele kritische Blicke werden auch auf die NATO gelenkt. Hatte die NATO in der Blockkonfrontation eine Legitimation, ist sie heute ein Instrument für die US-amerikanische Machtprojektion, mit dem sogar Mitglieder durch Stellvertreterkriege, Zwangssanktionen und ökonomische Sabotage (Nord-Stream-Sprengung) angegriffen werden, wie Kayvan Soufi-Siavash in seinem Aufsatz „Neutralität als Selbstschutz“ betont. Seine Einschätzung ist eindeutig: »Bleibt Deutschland im Bündnis, zerstört es sich selbst: wirtschaftlich, politisch, sozial. Die logische Konsequenz ist Neutralität. Nicht Isolation, aber souveräne Distanz.« Roberto De Lapuente geht in seinem Beitrag »Danke, Donald! Danke, Weltgeist!« auf Hegels »List der Vernunft« ein, mit dem der Philosoph einen paradoxen Prozeß beschreibt, in dem geschichtliche Akteure aus reinem Eigennutz und häufig unter der Prämisse egoistischer Motive handelnd, einem übergeordneten vernünftigen Gang der Geschichte dienen. Als zentralen gegenwärtigen Akteur des Hegelschen Weltgeistes präsentiert De Lapuente Donald Trump: »Trumps Politik, die alle Gewissheiten zerstört, zwingt die Europäer raus aus der transatlantischen Komfortzone, raus aus einem unnatürlichen Bündnis über tausende Kilometer Wasser hinweg.« Wir lassen das an dieser Stelle einfach mal so stehen.
Neben dem hier Angesprochenen erfährt man bei der Lektüre des Buches viel über die Definition von Neutralität, die Schattenseiten der Schweizer Variante, die Bestrebungen und Initiativen für Neutralität in Europa seit 1945 und die nach wie vor beschränkte Souveränität Deutschlands.
Björn Höcke Portrait

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